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Tokyo Hotel

November 26, 2006

Na gut, es ist in echt ein Ryokan (in dessen heisses Bad ich gleich auch noch steigen werde, direkt nach dem ich die Hostel-Chefin von ihrem Leid erloest habe – sie denkt naemlich seit einer Stunde, sie haette meine Handtuecher verschluert, aber mir ist gerade eingefallen, dass sie wohl doch in meiner Tasche stecken… mmh…).

Zunaechst mal kurz und knackig der Hinweis, dass mir gerade aufgefallen ist, dass mein Blog einen Kommentar-Spamfilter hat, der in den letzten Wochen insgesamt 6 Kommentare rausgefiltert hat, hinter meinem Ruecken, fieserweise. Zwei konnte ich wiederherstellen, der Rest ist wohl leider verloren. Also: An diejenigen, die hier mal kommentiert haben und sich nicht wiederfinden: Sorry, jetzt bin ich schlauer.

Ich bin also seit gestern Nachmittag in Tokyo, in dieser Riesenstadt. Bei SPIEGEL Online war vor kurzem ein Artikel ueber die Tokyoter U-Bahn, in dem stand, der Netzplan saehe aus wie Spaghetti. Und so fuehlt er sich auch an, also als Fahrgast. Man kann an fast jedem Bahnhof in irgendeine andere Linie umsteigen, jede Linie windet und schlaengelt sich und man muss aufpassen, dass man nicht versehentlich in ne andere Richtung faehrt. Dazu kommt ueberraschenderweise, dass die englische Beschilderung in dieser Millionenstadt teilweise schlechter ist als an meinen bisherigen Stationen. Aber es geht irgendwie und bisher hat es mir noch groessere Probleme bereitet, von der U-Bahn-Station zum Hostel zu gelangen…

Naja, jedenfalls ging es ja gestern, Samstag, Mittag mit dem Shinkansen von Kyoto nach Tokyo. Meinen eigentlichen Plan, den Samstag Morgen noch sightseeing-enderweise in Kyoto zu verbringen, hatte ich fallenlassen – zum Glueck, wie sich am Bahnhof rausstellte. Denn weil Wochenende war, war da die Hoelle los. Die Hoelle ist in diesem Fall ein Ort, an dem an jedem Schalter, an den Bussen zu den Sehenswuerdigkeiten oder an der Gepaeckabgabe mehrere hundert Menschen Schlange stehen und an dem ich eine Stunde laenger warten muss, weil alle reservierten Nichtraucher-Sitzplaetze in meinem Zug schon ausverkauft waren.

Den gestrigen Abend verbrachte ich spontan mit: Nachtleben. Denn mir war aufgefallen, dass ich diesem Aspekt der japanischen Kultur bisher nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Ergo ging ich, nach einem Abendessen und einem spontanen Jackenkauf im Hard Rock Cafe Tokyo, zunaechst einmal in „Bernds Bar“, eine deutsche Kneipe, die von einem seit ueber 20 Jahren hier lebenden Deutschen (Bernd) betrieben wird. Und ich glaube, an dieser Stelle ist das Wort „skurill“ angebracht. Denn Berd serviert seinen Gaesten nicht nur Jever, Bitburger, Weizenbier, Sauerkraut und aehnliches, er begruesst auch unglaublicherweise seine Gaeste ab und zu mit „NabeRnd!“ Der Mann hat Nerven! Nachdem ich meinen ersten Kulturschock ueberwunden hatte, bestellte ich ein Bitburger und kam mit den anderen deutschen an der Theke ins Gespraech. Sie arbeiteten alle seit 3 – 25 Jahren in Tokyo und schienen Stammgaeste bei Bernd zu sein.

Bernd selbst kennt sie alle und sich aus, seine Kneipe schmuecken zahlreiche Formel-1-Reliqiuen und Fotos mit Juergen Klinsmann (2002) und den Wahljapanern Guido Buchwald und Uwe Bein, enge Freunde von Bernd. Er wollte mir aber leider nicht verraten, wo Guido Buchwald, den es aus Japan fortzieht, in Deutschland seine fussballerischen Zelte aufschlagen wird („Er hat ein ganz grosses Angebot“!) Nein, ich will Bernd kein Unrecht tun, es war unterm Strich schon eine interessante Erfahrung da. Nur halt… skurill.

Den Abend beschloss ich in einem Irish Pub, in dem ich einen Englaender kennenlernte, der seit 15 Jahren in Tokyo arbeitet, obwohl er eigentlich nur fuenf Wochen bleiben wollte. Das nur mal so als Information an meine Mutter, die mir vor Antritt meiner Reise derartige Plaene strikt untersagt hatte… ;) Der Abend wurde leider so lang, dass ich die letzte Bahn verpasste und 45 Minuten lang mit dem Taxi durch Tokyo gekurvt werden musste… war aber auch mal eine Erfahrung.

Den heutigen Tag habe ich dann, bedingt durch einen leichten Kater, mit ganz seichtem Sightseeing (und viel U-Bahn-Fahren) verbracht: Meji-Schrein, Einkaufsviertel Shinjuku (mit angrenzendem, sehr europaeisch angelegten Park) und ebenfalls Einkaufsviertel Ueno, wo ich aber den Nepperschlepperbauernfaenger-Angeboten widerstehen konnte und es bei einer Ananas am Stiel beliess.

Und jetzt bin ich muede.

Japans Bonn

November 24, 2006

Wer Kyoto etwas boeses und der ehemaligen deutschen Hauptstadt etwas sehr gutes will, der koennte sagen: Kyoto ist das Bonn Japans. Denn von 794 bis 1868, also ueber tausend Jahre lang, war die Stadt Japans Hauptstadt. Dann wurde diese Ehre Tokyo zuteil und mit dem Hauptstadttitel zog auch der kaiserliche Palast weiter, wie der Bundestag. Okay, ich merke schon, das mit dem Vergleich passt wie zu enge Schuhe.

Jedenfalls stehen auch heute noch die zuletzt als Palast genutzten Gebaeude in einem grossen Park in Kyoto und auch heute wird noch recht viel Zauber um die Anlage gemacht. Wer sie als Auslaender per offizieller Fuehrung besichtigen moechte, so wie ich heute, der muss sich unter Vorlage des Reisepasses eine Genehmigung zum Betreten der Anlage bei der Imperial Household Agency holen. Das ganze scheint wohl mehr eine Formalitaet zu sein, ich kann mir auch nicht vorstellen, dass viele dort einen „Abgelehnt“-Stempel auf das Formular bekommen. Trotzdem hat das ganze doch ein bisschen etwas von einer Einwanderung in ein anderes Land.

Weil meine Fuehrung erst um 14 Uhr los ging, fuhr ich erst wieder in die Stadt, um mich wichtigen touristischen Aktivitaeten wie Kaffee trinken, Zeitung lesen, Fotos machen, Buecher kaufen und Tempel angucken. In diesem Fall sollten es der Nishi-hongan-ji und der Higashi-hongan-ji werden, einmal der West- und einmal der Ost-hongan-ji. Leider stellte sich heraus, dass ich tatsaechlich ein Schluri bin, denn den Osttempel hatte mir schon Mr. Hillwalker gezeigt. Naja, der Westtempel war auch recht… nett.

Um 14 Uhr stand ich dann am Imperial Palace auf der Matte, liess eine einstuendige Fuehrung in teilweise recht schwer verstaendlichen Englisch ueber mich ergehen, fand, dass ein Grossteil des Reizes, der von der Palastanlage ausging, einfach nur von dem Brimborium kam, der um sie gemacht wurde und lauschte zwei Oesterreichern (eventuell moegen es auch bayrische Mitbuerger gewesen sein), wie sie ihre Alm-Erfahrungen austauschten.

Der Rest vom Fest: Zurueck ins Hostel, Waesche waschen, lesen und Abendessen in einem Restaurant inklusive einer sehr netten Unterhaltung mit meinem japanischen Tischnachbarn, der mir Reiseanekdoten von den Philippinen erzaehlte und mir wegen meines relativ geschickten Umgangs mit den Essstaebchen komplementierte.

Morgen Mittag geht es dann auf meine letzte Japan-Etappe nach Tokyo. Schoen, dass ihr immer noch mitlest und kommentiert. Ich freue mich auch ueber Anika, die, soweit ich das blicke, die erste „externe“, mir unbekannte ist, die sich hier meldet. Und, naja, seit ich meinen Top-100-Blog-Erfolg erwaehnt habe, scheint es in der Tabelle rapide bergab zu gehen… :)

(Feier)Tag der tausend Kannons

November 24, 2006

Weil mir am Mittwoch Abend spontan auffiel, dass am Donnerstag in Japan ein Feiertag ist (genauer gesagt „Tag der Arbeit, und natuerlich wird, wie in Deutschland, am Tag der Arbeit eben genau jenes NICHT getan (ausser die Geschaefte, die haben meist trotzdem auf)), musste ich meinen geplanten Kaiserpalastsbesuch verschieben und mein Programm etwas aendern.

So ging es morgens mit der U-Bahn zum Tempel Daitoku-ji (mir faellt grad auf, dass das „ji“ wahrscheinlich so etwas wie „Tempel“ heisst und „Tempel Daitoku-ji“ wohl doppelt gemoppelt ist, aber gut). Leider war ich trotz umfangreicher kartographischer Vorleistung nach circa dreihundert Metern Fussweg von der Bahnstation voellig verloren und musste meine drei japanischen Worte benutzen, um eine aeltere Dame um Hilfe zu bitten. Die gab mir direkt zu verstehen, ihr zu folgen und in sieben Minuten brachte sie mich direkt vor die Tempeltuer. Problem war nur, dass sie scheinbar mein Japanisch voellig ueberschaetze und staendig auf mich einredete. Ich behalf mir mit Entschuldigungen, Laecheln und nicken und so verbrachten wir eine sehr harmonische Zeit miteinander.

Am Nachmittag wollte ich mit dem Zug nach Nagoya fahren um mit Ryutaro ein Abschiedsabendessen zu veranstalten. Da mein zweiter Tempel fuer den Tag in Bahnhofsnaehe war, fuhr ich schon mal zum Bahnhof und kaufte mir eine Fahrkarte. Vom zweiten Tempel, dem Sanjusangen-do („do“?? Mmmh…), war ich sehr beeindruckt. Man koennte sagen, ich haette ihm gar nicht so viel zugetraut. In der langen Haupthalle standen sage und schreibe 1000 Statuen der buddhistischen Gottheit Kannon in Reih und Glied. Alle mehrere hundert Jahre alt, alle natuerlich handgemacht und individuell, vergoldet und in der Mitte von einer riesigen Kannon-Statue ueberwacht. Ich hab den Mund kaum noch zubekommen, es sah einfach geil aus. Ich mein, hallo! EINTAUSEND STATUEN! ALTER SCHWEDE!!!
Der Rest des Tages war so unspektakulaer wie schoen: Ryutaro und ich haben gut gegessen (in meinem Stammrestaurant, weil zweiter Besuch) und danach in meiner Stammkneipe Jacks Bar (zweiter Besuch!) Dart gespielt. Die beiden Chefs da sind, wie ich gestern erfuhr, Brueder und kennen sich sehr gut mit deutschen Fussball-spielern in Japan aus (Litti! Buchwald!)…

ADS-Affen

November 24, 2006

Toji-PagodaDer Mittwoch startete im Toji-Tempel, gleich um die Ecke meines Hostels. Der Toji-Tempel hat die groesste Pagode Japans, die sich besonders im morgendlichen Sonnenlicht sehr gut machte. In zwei Gebaeuden des Tempels wurden sehr, sehr schoene, grosse, alte Statuen ausgestellt, die man leider, wie fast ueberall im Inneren von Tempeln, nicht fotografieren durfte. Leider war auch hier der Grossteil der ausgestellten Stuecke nur auf japanisch beschrieben, so dass ich meist uninformiert nur mein Sehorgan beanspruchen musste. Aber hey. Oh und nach einer guten halben Stunde fielen natuerlich wieder Schulklassen en masse in die Tempelanlage ein, was natuerlich einerseits loeblich ist, da die jungen Menschen ja so auch kulturelles Wissen ueber die Vergangenheit ihres Landes aufsaugen koennen, andererseits haben die Dreckskinder schon ziemlich genervt.

Next stop for me war der Maryuima-Park, den mir mein Marco-Polo-Reisefuehrer vollmundig als schoen und fotogen anpries. Sagen wir mal so: Er hat bestimmt einen guten Charakter und sieht im Fruehling, wenn die Kirschblueten bluehen, um einiges netter aus.

Der naheliegende Chion-in-Tempel war dann natuerlich auch fuer mich als naechste Station naheliegend. Die riesige Tempelanlage empfand ich als etwas unuebersichtlich beschildert und selbst die Karte, die ich bekam, half nicht gerade weiter. Dafuer war hier die Gartenanlage wieder sehr schoen und im Haupttempel kam ich gerade richtig zu einer Art Gottesdienst mit Moenchsgesaengen. Besonders an Chion-in sind die sogenannten „Seven Wonders of Chion-in“, Weltwunder im Tempelformat, quasi. Zum Beispiel ein Regenschirm, den der Architekt im Dachbereich versteckte, um so Regen zu beschwoeren (der gegen Feuer helfen sollte, die fast alle japanischen Tempelanlagen frueher oder spaeter heimsuchen). Wenn man, so wie ich am Mittwoch, lange und angestrengt starrt (oder weiss, wo man hingucken muss), dann sieht man ihn auch. Die meisten anderen Wunder (u. a. ein Vogel, der so echt gemalt wurde, dass er direkt wegflog oder eine gemalte Katze, dessen Blick einem immer folgt) sind leider nicht fuer die Oeffentlichkeit zugaenglich.

Dann machte ich noch einen ausserplanmaessigen Zwischenstopp im Heian-Schrein. Der war zwar eigentlich auf meiner erweiterten Sehenswuerdigkeitenliste, aber ich hatte ihn bisher schlicht noch nicht auf einer meiner zahlreichen Karten gefunden. Jetzt lief ich zufaellig an einem Hinweisschild vorbei und bereute es kurz darauf nicht, auch eingetreten zu sein. Denn dieser Nachbau des urspruenglichen Kaiserpalasts ist mit seinen orangeroten Bauten nicht nur einfach sehr schoen anzusehen, auch der riesige, das Gelaende umgebende Teichgarten gehoert bisher zu den Schoensten, die ich hier in Japan gesehen habe. Es war, vielleicht durch die Groesse, trotz vieler Touristen (klar…) sehr ruhig und entspannt.

Dann ging es zum Tempel „Nanzen-ji“, dessen Zen-Garten des „Springendes Tigers“ tatsaechlich sehr beruhigend wirkte, auch wenn ich aus den auf geharktem Kies gelegten Felsbrocken nur mit SEHR viel Phantasie (Glueck gehabt…) tatsaechlich Tiger erkennen konnte. Weil ich ein Schluri bin, war es inzwischen zu spaet geworden, um das zweistoeckige Tor des Nanzen-ji zu erklimmen.

Und auch fuer den Philosophenweg zum Silbernen Pavillion sollte es wenig spaeter zu spaet werden. Denn ich kam recht zufaellig am Kyoto Municipal Zoo vorbei. Yeah, dachte ich da, ein Zoo! Und ich muss sagen, es war ein sehr netter, kleiner Zoo. Kleiner als der in Dortmund (fuer die, die ihn kennen), aber vom Tierbestand nicht ganz unaehnlich. Meine Erkenntnis des Tages : Rhesusaffen sind total bekloppt, haben ein Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom erster Guete und in ihrem Kopf muss es ungefaehr so aussehen: Oheinautoreifenwiegeilnajawowduhastmichangegriffenichmussunbedingtoheinstueckbananeschaukelnschaukelnkreischenwowwoweinsteinwardergesternschonhierichmussmichkratzen.
Keine Ahnung, wie die das machen.

Den Tag beschloss wieder ein kleiner Stadtbummel, den zum Aufdiefuessetretenlassen ist es in Kyoto abends immer voll genug. Nach einem chinesischen Abendessen rief ich meine Oma an, gratulierte ihr zum Geburtstag und verbrauchte meine restlichen Telefonkartenminuten, um meine Mutter von der Arbeit abzuhalten. Aber ich glaube, sie hat sich trotzdem gefreut…

I want to ride my bicycle

November 22, 2006

— Zunaechst mal zur Erlaeuterung: Mutter Teresa war letzte Woche in was fuer einer Verfassung? Genau, einer relativ schlechten… wie meine Kamera! (Okay, man koennte religioeserweise argumentieren, sie sei eigentlich sogar in der besten Verfassung, weil an der Seite des Herrn etc. Aber das kann man nun wirklich nicht von meiner Kamera behaupten, dass sie irgendwie paradiesisch… oder so…) —

Jeden Tag eine gute Tat. Oder jeden Tag etwas neues? Passt auch nicht ganz. Egal. Jedenfalls habe ich am Dienstag zumindest auf japanischem Boden etwas neues ausprobiert: Ich habe Kyoto per Rad erkundet. Das ist einerseits vielleicht einfacher, als in den USA radzufahren, wo man Glueck hat, wenn man nicht a) angefahren oder b) als asozial angesehen wird - andererseits aber auch recht tricky. Denn in Kyoto (ich nehme einfach mal an, das ist in fast ganz Japan so) fahren die Menschen auf dem Buergersteig Rad. Und dort gibt es nur ab und zu mal einen getrennten Radweg. Wenn es ihn denn gibt, dann schenken ihm die Fussgaenger hier ungefaehr soviel Beachtung wie die Menschen im Dortmunder Kreuzviertel den Buergersteigen: Naemlich keine (die gehen naemlich alle auf der Strasse, aber das ist eine andere Geschichte). Und manchmal ist der Buergersteig ungefahr einen Meter breit und trotzdem schlaengeln sich faszinierenderweise Fussgaenger und Radfahrer in beiden Richtungen unfallfrei aneinander vorbei. Ich habe mal die Theorie aufgestellt, dass das dazu passt, dass in Japan nun mal ueberall wenig Platz ist und die Leute in allen Bereichen gelernt haben, aufeinander Ruecksicht zu nehmen und den zur Verfuegung stehenden Platz so effektiv wie moeglich zu nutzen.

Also, trotz des skeptischen Blicks des Mannes an der Hostel-Rezeption, an der ich mir fuer 500 Yen ein schmuckes Rad mit schmucken Koerbchen vorne dran lieh (ich merk grad, dass ich nie mein USB-Kartenlesegeraet dabei habe, wenn ich mal Fotos hochladen koennte…), machte ich mich zunaechst auf den Weg quer durch die Stadt. Nach 45 an sich recht lockeren, teilweise aber bergauf-en Minuten kam ich schliesslich an meinem ersten Ziel an, dem Kinkaku-ji. Dieser sogenannte „goldene Pavillion“ zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er… tja… eben golden erstrahlt. Die ersten beiden Etagen sind mit Blattgold belegt und das lockte natuerlich nicht nur mich sondern auch wieder mal hunderte meiner Mittouristen. Ich glaube da gewoehne ich mich nicht mehr dran, an das Gedraenge und Rumfotografiere, das Gerenne und Gerufe… ich weiss, ein bisschen trage ich ja auch dazu bei, als Tourist. Trotzdem koennte ich glaube ich viele Orte besser geniessen, wenn es leerer waere.

Naja, meine naechsten beiden Ziele lagen auch in extrem fahrradfreundlicher Naehe, „die Strasse runter“ trifft es ganz gut. Dort besuchte ich den Zen-Garten Ryoan-ji, in dem 15 Felsen liegen, umgeben von sorgfaeltig in Muster geharkten Kies. Wer warum und wie diesen Garten vor knapp 600 Jahren angelegt hat, ist ein Mysterium. Aber ein schoenes, beruhigendes, wie ich festgestellt habe. Ziel zwei „um die Ecke“ war der Ninna-ji, an dem eigentlich nur die fuenfstoeckige Pagode (so ein Turm halt) wirklich nett anzuschauen war.

Mein Mittagessen am Nachmittag in einem kleinen Restaurant bestellte ich wieder mit der traditionellen Touristen-Methode Mit-Dem-Finger-Auf-Das-Foto-In-Der-Speisekarte-Zeigen und radelte weiter zum Nijo-Schloss. Das hatte vor allem ein Highlight zu bieten: Das Nachtigallen-Parkett. Denn der Erbauer des Schlosses, der Shogun Tokugawa Ieyasu, war sich seiner offenbar zahlreichen Feinde bewusst und baute als eine der zahlreichen Sicherheitsvorkehrungen Dielenbretter in den Flur des Schlosses, die bei der geringsten Beruehrung ein Quietschgeraeusch verursachen, das wie Vogelgezwitscher klingt. Ich habe es probiert, da ging GAR nichts (ohne zu quietschen halt). Mit einer Ausstellung zahlreicher Statuen und Wandgemaelde aus dem Schloss liess ich den kulturellen Teil des Tages ausklingen und stuerzte mich auf wichtige Dinge wie Bummeln, Abendessen, Internetcafe besuchen, Fernseh gucken, Buch lesen und Bier trinken.

Auf dem Weg zurueck zum Hostel erinnerte mich mein Gesaess bzw. auch mein Arsch dann schmerzhaft daran, dass der Sattel ungleich haerter ist als der meines Fahrrads in Dortmund und ich ein verweichlichter Schlumpf bin. Ich begann, mit meinem Arsch zu streiten, doch wir entwickelten keine rechte Energie und es blieb bei einigen unflaetigen Beschimpfungen.

PS. Danke fuers Lob, Frau Komander. Irgendwie hat Sebastian mich ja auch zum Blog-Schreiben animiert, so indirekt.

Das Kyoto-Protokoll (sorry, konnte es mir nicht verkneifen…)

November 21, 2006

 Erst mal schoene Gruesse an meine Cousine! Schoen, dass du hier mitliest, dann kannst du deinem Vater ja die schweren Woerter erklaeren… :)

Jedenfalls: Am Sonntag Abend war ich dann tatsaechlich erfolgreich am Kiyomizu-Tempel und es war grandios. Der Tempel und das umliegende Gebiet wird momentan (noch bis in den Dezember hinein) abends drei Stunden lang wunderbar angestrahlt. Die Gegend ist sowieso schon sehr schoen und das hat den Effekt noch einmal verstaerkt. Ich war auch an der Stelle, die das angesprochene Sprichwort vom runterspringen inspiriert hat und muss sagen, ich kann mir nur schwer vorstellen, dass 80 Prozent der Leute, die den Sprung tatsaechlich frueher gewagt haben (als das noch nicht verboten war), ueberlebt haben sollen.

Fast noch schoener wurde der Tempel-Ausflug, als es anfing zu regnen. Denn der Regen sah im blauen Scheinwerferlicht direkt neben dem hoechsten Tempelgebaeude einfach… unbeschreiblich (deshalb an dieser Stelle: keine Beschreibung!) aus. Ich bin fast daran verzweifelt, mit meiner Digicam in Mutter-Teresa-Letzte-Woche-Verfassung dieses Bild einzufangen.

Mein Hostel bietet uebrigens fuer mich eine Japan-Premiere. Denn wo ich bisher immer bequem und leise in einem Einzelzimmer naechtigen konntedurftewollte, schlafe ich jetzt mangels Alternative in einem Achter-Zimmer. Das ist zwar an sich irgendwie authentisch-backpackerischer, aber auch eben schnarchender, federnquietschender, raeuspernder, schnaufender und einschlafschwieriger. Ich lerne nette Leute lieber im Gemeinschaftsraum kennen, sage ich mal… aber et geht und ich werd es ueberleben.

Den Montag eroeffnete ich dann mit Johnny. Johnny heisst auch Hajime Hirooka, nennt sich aber selber Johnny Hillwalker („not Johnny Walker“… keiner lacht…) und bietet seit elf Jahren englische Spaziergaenge durch Kyoto an. Um zehn Uhr war Treffen am Bahnhof und Johnny fuehrte uns gnadenlos ueber fuenf Stunden lang durch die Gassen Kyotos, vorbei an Buddha-Tempeln, Shinto-Schreinen (Shinto ist DIE originale, urspruengliche Japan-Religion), durchs Geisha-Viertel (leider kein Sichtkontakt mit einer Geisha, Johnny meint aber wir muessten unbedingt eine gesehen haben, waehrend wir in Kyoto sind. Ich bleibe dran.) und in kleine Werkstaetten, in denen zahlreiche Familien in Heimarbeit und im Verbund mit anderen Familien Faecher, Vasen oder Strohmatten herstellten. Alles in allem war es eine sehr coole Tour. Nachdem ich mich an Johnnys Akzent gewoehnt hatte, war es sehr schoen, ihm zuzuhoeren, wenn er die Geschichte der Geishas erlaeuterte oder ausfuehrlich ueber Religion in Japan referierte.

Nach der Tour stromerte ich einfach mal weiter: Erst durch DAS Geishaviertel Kyotos, Gion. Dann war ich etwas orientierungslos, machte mir aber einfach mal die nach wie vor nicht versiegenden Touristroeme zunutze und stellte mich an einer Schlange an, die zu einem Tempel zu fuehren schien. Der Tempel war, wie sich am Ende der Schlange herausstellte, auch angestrahlt und bot ein paar grandiose Fotomoeglichkeiten fuer mein Vordritterirakkriegsmodell. 
Nach einem weiteren kleinen Irrweg durch die Gassen und U-Bahnen Kyotos (mmh, obwohl ich eigentlich drei Karten mit mir rumschleppte…) fand ich schliesslich zurueck zum Hostel. Dort machte ich jedoch nur einen kurzen Stopp und mich wieder auf den Weg zum Public Hot Bath.

Dieser Ausflug war fuer mich eine interessante Erfahrung, denn es war noch einmal eine Ecke anders als das Bad in meinem Hostel in Nagoya. Ich musste mich erst mal in dem eigentlich recht kleinen Vorraum zurecht finden und konnte mich erst ein paar Fingerzeigduelle mit der netten Empfangsdame und einige kritische Blicke der zwei anwesenden aelteren japanischen Herren spaeter auf den bekannten Schemel vor die Dusche setzen, mich einseifen und rasieren und schliesslich ins heisse Bad gleiten. Und es war SEHR heiss, geschaetzte siebentausend Grad Celsius, so dass ich es nur zweimal jeweils eine oder zwei Minuten aushielt und so meinen ersten oeffentlichen Badbesuch recht kurz hielt. Entspannt war ich trotzdem.

Abends erklaerte mir dann im Hostel-Aufenthaltsraum noch ein aelterer (mindestens 30!!!) Brite die Grundregeln des Crickets, weil ich sehr unvorsichtig in den Raum geworfen hatte, wie fern mir die Regeln dieses Spiels laegen. Aber er war sehr nett und ich werde versuchen, bei der naechsten Gelegenheit (also in etwa 1000 Jahren) zu pruefen, ob ich irgend etwas verstanden habe.

Full House in Kyoto

November 19, 2006

Ich bin wieder – und von heute bis Samstag Mittag – in Kyoto und das Wetter ist echt schlecht, so ganz grau und verregnet. Weil ich gerade eine Stunde Zeit habe, bis meine Waesche trocken ist und ich mich danach zu einem angestrahlten Tempel aufmachen kann, bringe ich euch mal wieder auf den neuesten Stand.

Gestern (Samstag) war ich schon ein mal mit Ryutaro in Kyoto, und ich habe, denke ich, schon eines der Highlights der Stadt gesehen, zumindest zu dieser Jahreszeit. Denn dann faerben sich die Blaetter der Ahornbaeume knallrot und zusammen mit dem gruen, gelb und braun der anderen Blaetter ergibt das einfach einen sehr geilen Farbeffekt. Ich merk schon, ich muss die Tage mal wieder Fotos hochladen… Besonders gut zu sehen sind die Farbspiele in der Gegend Arashiyama, die zum Ausgleich dann aber mal gestern SO RICHTIG voll war mit Touristen. Selbst als Radfahrer, von einigen Taxen mal ganz abgesehen, hatte man da kaum eine Chance, durchzukommen.

Nach dem Mittagessen schlenderten wir durch die ebenfalls furchtbar ueberfuellten Strassen Kyotos. An jeder Fussgaengerampel bildeten sich Schlangen und an einigen Kreuzungen wurden die eifrigen Ampeln von trillerpfeifenden Polizisten verstaerkt.

Wir schauten einem Fernsehteam von „Kansai TV“ zu, wie es am Fluss eine Live-Sendung drehte, bei der es offenbar um das Thema „Angeln“ ging und verbrachten dann die Zeit bis zum Einbruch der Dunkelheit in einer kleinen Billiardhalle, als dessen Chef sich der japanische Billiard-Trickstoss-Meister Yoshikazu Kimura entpuppte, der offenbar zu meiner Unkenntnis vor allem in den 80ern und 90ern ein Star der Szene gewesen sein soll. Tatsaechlich hingen an der Wand zahlreiche Zeitungsartikel ueber den Mann und zwei Tische weiter brachte er gerade einem jungen Nachwuchstalent einen Trick nach dem anderen bei. Wenn ich ihn vorher gekannt haette, waere das mit der Ehrfurcht bestimmt noch mal ein Stueck groesser geworden, so war es immerhin eine kleine Ehre, neben diesem Billiardidol zu stehen und eher schlecht als recht… aber lassen wir das.

Jedenfalls wollten wir den bekannten Kiyomizu-Tempel besuchen, der momentan abends angestrahlt wird und offensichtlich somit eine noch groessere Attraktion geworden ist, denn nachdem wir ueber zwanzig Minuten vergeblich auf den Bus gewartet hatten, entschlossen wir uns ein Taxi zu nehmen. Da diese grandiose Idee auch andere Menschen hatten, warteten wir weitere knapp zwanzig Minuten vergeblich auf Bus und Taxi und entschlossen uns schliesslich, den Tempel fuer heute sausen zu lassen und lieber zu einem riesigen Abendessen zurueck zu Ryutaro zu fahren. Den Abend liessen wir dann eher typisch unjapanisch biertrinkend und South Park-guckend ausklingen.

Heute, am Sonntag, freute ich mich dann erst mal ueber den fuenften Sieg der Grashuepfer in Folge – an dieser Stelle noch mal Glueckwunsch zur unheimlichsten Siegesserie der letzten Jahre! HHIT! Nach dem Mittagessen brachten mich Ryutaro und seine Mutter zum Bahnhof und ich setzte mich in Richtung Kyoto in Bewegung. Und hier sitze ich jetzt, in meinem fuenfstoeckigen Backpacker-Hostel (ich bin natuerlich im fuenften Stock…), warte auf meine Waesche und darauf, dass ich endlich den zweiten Versuch zum Tempel starten kann. Der Tempel hat wegen seiner hohen, hoelzernen Veranda uebrigens das Sprichwort „von der Buehne/Veranda des Kiyomizu springen“ inspiriert – sich etwas trauen, also.

Wenn die Zeit noch reicht, will ich spaeter noch ein oeffentliches Bad besuchen, um meine Heiss-Baden-Entspannungserfolge von Nagoya zu wiederholen.