Erst mal schoene Gruesse an meine Cousine! Schoen, dass du hier mitliest, dann kannst du deinem Vater ja die schweren Woerter erklaeren…
Jedenfalls: Am Sonntag Abend war ich dann tatsaechlich erfolgreich am Kiyomizu-Tempel und es war grandios. Der Tempel und das umliegende Gebiet wird momentan (noch bis in den Dezember hinein) abends drei Stunden lang wunderbar angestrahlt. Die Gegend ist sowieso schon sehr schoen und das hat den Effekt noch einmal verstaerkt. Ich war auch an der Stelle, die das angesprochene Sprichwort vom runterspringen inspiriert hat und muss sagen, ich kann mir nur schwer vorstellen, dass 80 Prozent der Leute, die den Sprung tatsaechlich frueher gewagt haben (als das noch nicht verboten war), ueberlebt haben sollen.
Fast noch schoener wurde der Tempel-Ausflug, als es anfing zu regnen. Denn der Regen sah im blauen Scheinwerferlicht direkt neben dem hoechsten Tempelgebaeude einfach… unbeschreiblich (deshalb an dieser Stelle: keine Beschreibung!) aus. Ich bin fast daran verzweifelt, mit meiner Digicam in Mutter-Teresa-Letzte-Woche-Verfassung dieses Bild einzufangen.
Mein Hostel bietet uebrigens fuer mich eine Japan-Premiere. Denn wo ich bisher immer bequem und leise in einem Einzelzimmer naechtigen konntedurftewollte, schlafe ich jetzt mangels Alternative in einem Achter-Zimmer. Das ist zwar an sich irgendwie authentisch-backpackerischer, aber auch eben schnarchender, federnquietschender, raeuspernder, schnaufender und einschlafschwieriger. Ich lerne nette Leute lieber im Gemeinschaftsraum kennen, sage ich mal… aber et geht und ich werd es ueberleben.
Den Montag eroeffnete ich dann mit Johnny. Johnny heisst auch Hajime Hirooka, nennt sich aber selber Johnny Hillwalker („not Johnny Walker“… keiner lacht…) und bietet seit elf Jahren englische Spaziergaenge durch Kyoto an. Um zehn Uhr war Treffen am Bahnhof und Johnny fuehrte uns gnadenlos ueber fuenf Stunden lang durch die Gassen Kyotos, vorbei an Buddha-Tempeln, Shinto-Schreinen (Shinto ist DIE originale, urspruengliche Japan-Religion), durchs Geisha-Viertel (leider kein Sichtkontakt mit einer Geisha, Johnny meint aber wir muessten unbedingt eine gesehen haben, waehrend wir in Kyoto sind. Ich bleibe dran.) und in kleine Werkstaetten, in denen zahlreiche Familien in Heimarbeit und im Verbund mit anderen Familien Faecher, Vasen oder Strohmatten herstellten. Alles in allem war es eine sehr coole Tour. Nachdem ich mich an Johnnys Akzent gewoehnt hatte, war es sehr schoen, ihm zuzuhoeren, wenn er die Geschichte der Geishas erlaeuterte oder ausfuehrlich ueber Religion in Japan referierte.
Nach der Tour stromerte ich einfach mal weiter: Erst durch DAS Geishaviertel Kyotos, Gion. Dann war ich etwas orientierungslos, machte mir aber einfach mal die nach wie vor nicht versiegenden Touristroeme zunutze und stellte mich an einer Schlange an, die zu einem Tempel zu fuehren schien. Der Tempel war, wie sich am Ende der Schlange herausstellte, auch angestrahlt und bot ein paar grandiose Fotomoeglichkeiten fuer mein Vordritterirakkriegsmodell.
Nach einem weiteren kleinen Irrweg durch die Gassen und U-Bahnen Kyotos (mmh, obwohl ich eigentlich drei Karten mit mir rumschleppte…) fand ich schliesslich zurueck zum Hostel. Dort machte ich jedoch nur einen kurzen Stopp und mich wieder auf den Weg zum Public Hot Bath.
Dieser Ausflug war fuer mich eine interessante Erfahrung, denn es war noch einmal eine Ecke anders als das Bad in meinem Hostel in Nagoya. Ich musste mich erst mal in dem eigentlich recht kleinen Vorraum zurecht finden und konnte mich erst ein paar Fingerzeigduelle mit der netten Empfangsdame und einige kritische Blicke der zwei anwesenden aelteren japanischen Herren spaeter auf den bekannten Schemel vor die Dusche setzen, mich einseifen und rasieren und schliesslich ins heisse Bad gleiten. Und es war SEHR heiss, geschaetzte siebentausend Grad Celsius, so dass ich es nur zweimal jeweils eine oder zwei Minuten aushielt und so meinen ersten oeffentlichen Badbesuch recht kurz hielt. Entspannt war ich trotzdem.
Abends erklaerte mir dann im Hostel-Aufenthaltsraum noch ein aelterer (mindestens 30!!!) Brite die Grundregeln des Crickets, weil ich sehr unvorsichtig in den Raum geworfen hatte, wie fern mir die Regeln dieses Spiels laegen. Aber er war sehr nett und ich werde versuchen, bei der naechsten Gelegenheit (also in etwa 1000 Jahren) zu pruefen, ob ich irgend etwas verstanden habe.